Wie Fisch Wasser
Sieben Jahre sind schnell verflogen, seit ich meinen Fuss in den Buss gesetzt hatte und in die neue schöne Welt unter dem Namen “Deutschland” aufbrach… nur mit einer Tasche in der Hand, in der außer ein paar Schuhen, 2 T-Shirts, einer Hose und Unterwäsche, mein Hauptschatz lag – das Wörterbuch “Deutsch-Russisch / Russisch-Deutsch”. Was? Nur sieben Jahre? Und so ein perfektes Deutsch?
Danke, danke, aber so perfekt ist ja mein Deutsch auch nicht. “Doch, doch” sagen die anderen. “Du sprichst soooo fehlerfrei und akzentfrei. Woher kommst Du, eigentlich?”. Oh, mannnnnnn, blitzt in meinem Kopf auf. Denkt doch mal nach, wo spricht man sonst so akzentfrei?
Na klar, in der Ukraine, wo sonst? Aber nicht nur akzentfrei, sondern auch artikelfrei. Ja, wir sprechen artikelfrei dort, denn weder Russisch noch Ukrainisch hat dieses komplizierte Artikelgefüge: mal bestimmtes, mal unbestimmtes, mal mit, mal ohne, mal für Plural, mal für Singular. Nein, nein, nein…bei mir ist alles bestimmt und ich weiß, was, wen und wieviel davon ich will, ohne zu sagen “den” oder “einen”.
Auf unbewußter Ebene hat mich meine ukrainisch/russische Sprachidentität nie wirklich loslassen wollen. Als ich eines Tages Probleme mit meinem Rechner hatte und nicht mehr weiterwußte, in Panik und unbeholfen meinen damals noch in mich frischverliebten Freund ( er ist jetzt inwzischen mein immer wieder von mir frisch überraschter Mann) anrief und im fordenden Ton sagte: “Mein Lieber, Ich brauche Dich wie Fisch Wasser”.
Dass es keine Antwort eine Minute lang kommt, hatte ich nicht erwartet. Genauso wenig, wie mein Verliebter meinen Gefühlsausdruck “ich brauche dich wie Fischwasser” erwartet hatte. So sehr geliebt fühlt man sich selten wohl… Dabei war gerade doch nur das Gegenteil gemeint: “Eben, dass ich ihn wie ein Fisch das Wasser brauche”. In einem Wort, er ist für mich überlebenswichtig.
Ja, es sind schon 5 Jahre her, und mein nach wie vor liebster Ehemann weiß, mit meinen Emotionen, Gefühlsausbrüchen und -ausdrücken umzugehen. Er fügt halt selber die Artikel ein, oder lässt sie weg, sucht die richtigen aus und voila: Er hat die Worte, die er hören will.
Was willl man mehr in einer harmonischen Beziehung!
März 13th, 2008 at 11:35
Hey Oksi,
erstmal herzlichen Glückwunsch zu deinem ersten Blogeintrag! irgendwie erinnert mich dein “wie Fischwasser” an den Refrain des ’94er Popkracher’s von Everything but the Girl – Missing; “… like the deserts miss the rain…” !?
Vielelleicht wäre Dessertrain bzw Wüstenregen ja sogar einen eigenen Blogeintrag wert !?
Auf viele weitere Einträge,
Roland
… und by the way – Doch! Dein Deutsch ist super und ohne deinen leichten Akzent nur halb so interessant!
März 13th, 2008 at 11:44
Auch das Slang-Deutsch kennt mittlerweile radikale Vereinfachungen.
Wer z.B. sagt “Ich war Ikea” meint nicht, daß er sich in einen tiefblauen Wellblech-Würfel im Erdinger Moos verwandelt hat. Vielmehr möchte derjenige ausdrücken, daß er “bei Ikea” einkaufen war.
Zugegeben nicht mein Geschmack. Ein bißchen Zeit muß sein. Dann schon eher die von Sebastian Sick sogenannte “rheinische Verlaufsform”. Also, statt: “Mutter saugt gerade die Küche” sagt der Rheinländer “Mutti ist die Küche am saugen”. Keine Verbformen mehr, klare Konstruktionsregel, alles Infinitiv und einfach. Geniale Idee bin ich am meinen.
März 13th, 2008 at 11:53
Danke für die Blumen, Roland! Ja, mit dem Akzent ist charmanter, gell?
“Everything but the Girl – Missing” ist ein sehr guter Denkanstoß. Ich liebe solche Wortspiele!
Übrigens, auf dieser Seite werden die Mädels nicht vermisst. Hast Du schon unter August 2007 meine Beiträge gelesen?
Es ist nämlich nicht meine erster Eintrag.
März 13th, 2008 at 11:53
Danke für die Blumen, Roland! Ja, mit dem Akzent ist charmanter, gell?
“Everything but the Girl – Missing” ist ein sehr guter Denkanstoß. Ich liebe solche Wortspiele!
Übrigens, auf dieser Seite werden die Mädels nicht vermisst. Hast Du schon unter August 2007 meine Beiträge gelesen?
Es ist nämlich nicht mein erster Eintrag.
März 13th, 2008 at 12:18
Die Geschichte ist echt super! Ich musste lange lachen!
Mich würde aber allgemein interessieren, wie viele Deutsche und wie akzentfrei Sprachen sprechen, die nicht der germanischen Sprachfamilie angehören und deren Schrift völlig anders ist? Griechisch würde ein Anfang sein, Arabisch, Georgisch, Chinesisch oder Japanisch wären weitere Beispiele…
Man merkt, übrigens, wie niedrig die Sprachtoleranz im deutschen Sprachraum ist – vor allem im Vergleich zu dem so verwandten englischen Sprachraum! Schließlich kommt es auf Einheiten an, die den kritischen Bedeutungsinhalt ausmachen – und dies sind definitiv nicht Artikel und nicht mal die Wörter als solche, sondern Wortwurzel und sogar Buchstabenkombinationen (Silben), die in den Kontext eingefügt werden – Kontext ist also hier ausschlaggebend (hättest Du ihm also zuerst gesagt, dass Du bald durchdrehst, wenn Dein Rechner nicht das macht, was Du von ihm willst, dann hätte er wahrscheinlich den fehlenden Artikel gar nicht bemerkt!).
Doch war Dein Freund total verunsichert, als der Artikel (und der Kontext) gefehlt hat. Klar, das Beispiel mit “Fischwasser” ist schon sehr speziell (und super lustig!), aber auch allgemein fühlen sich viele völlig unbeholfen, wenn sie mit einer Satz/Wort-Konstruktion konfrontiert werden, die nicht zu 100% ihrem vorgegebenen grammatischen “Bauplan” entspricht… Das mag natürlich auch an der deutschen Sprache an sich liegen, doch man kann schon viel mit etwas mehr Sprachtoleranz (das geht schon in die Richtung von Sprachduldung, was wiederum ein bisshen nach der Einwanderer-Polemik riecht – also nach Politik, wo ich gar nicht hin will!) erreichen – was natürlich nicht von heute auf morgen geht… Es scheint, Dein Mann ist (dank Dir!) auf dem guten Weg dorthin!
Ukrainisch an sich ist jedoch nicht viel toleranter in dieser Hinsicht: ohne die entsprechende Flexion kann man genauso wie ohne einen passenden Artikel nicht verstehen, was man meint. Ins Ukrainische übersetzt würde Dein Fisch-Satz so klingen: “Ти мені потрібен, як риба вода” (Ty meni potriben, jak ryba [Nom.] voda [Akk.]) anstatt “Ти мені потрібен, як рибi вода” (Ty meni potriben, jak rybi [Dat.] voda [Akk.])
Deshalb: Jede Sprache – schwere Sprache!
(außer Hölländisch, natürlich)
März 13th, 2008 at 12:44
@Captain Beefheart.
Ja, finde ich auch “Ein bißchen Zeit muß sein”. Festina lente, bzw. eile mit Weile, vor allem beim Reden müsste ich öfters daran denken. Man sagt mir so, ich rede zu schnell, zu viel, zu gut – eben, zu gut um verstanden zu werden. Da fällt mir ein Srpuch von Oscar Wilde ein: “I think I am sooo intelligent, because sometimes when talking I don’t understand a sinlge word of what i am saying”. Na gut, ich bin schon am verstehen, aber die anderen sind am meinen, ich wäre am zu schnell reden. Und ja, meine Mutti war auch am meinen, dass sich meine Zunge im Kampf für ihre Unabhängigkeit vom Gehirn befindet.
März 14th, 2008 at 10:55
also ich finde du schreibst bereits wie ne große:-)
März 17th, 2008 at 11:22
so ging es mir damals mit USA. Kurz davo war ich noch in diesem großartigen Kinofilm – wie hieß der denn noch…ach ja, Daylight. Actionding mit John Rambo. Es gab kaum Dialog und den, den es gab hab ich nicht verstanden. Am Ende hab ichs dann auch gelernt.